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Die größte Party, von der es kein einziges Foto gibt
Alle europäischen Aale schwimmen Tausende Kilometer in die Sargassosee, um sich zu paaren. Gesehen hat es noch nie jemand. Ein Wappentier für uns.
Irgendwo im Atlantik, südlich der Bermudas, findet jedes Jahr die größte Party Europas statt. Alle europäischen Aale kommen. Wirklich alle: aus der Spree, aus dem Rhein, aus der Themse, aus irgendeinem Weiher in Brandenburg. Und das Beste: Es gibt kein einziges Foto davon. Niemand hat je gesehen, wie sich Aale in freier Wildbahn paaren.
Wenn es ein Wappentier für Don't Post About This gäbe: Es wäre ein Aal.
Der Treffpunkt: die Sargassosee
Die Sargassosee ist ein Meer ohne Küste, mitten im Atlantik, nur begrenzt durch Meeresströmungen. Dort treiben riesige Teppiche aus Braunalgen. Dass die Aale genau hierhin wollen, weiß man erst seit gut hundert Jahren. Der dänische Biologe Johannes Schmidt hat in den 1910er- und 1920er-Jahren den Atlantik abgefischt und geschaut, wo die Aallarven am kleinsten sind. Je kleiner die Larven, desto näher am Geburtsort. Die allerkleinsten fand er in der Sargassosee.
Zum Vergleich: Von Berlin bis dorthin sind es grob 6.000 bis 7.000 Kilometer. Ein Aal schwimmt das.
Die Reise: einmal halb um die Welt (gefühlt)
Das Leben eines Aals läuft ungefähr so:
- Als Larve treibt er, durchsichtig und flach wie ein Weidenblatt, mit dem Golfstrom Richtung Europa. Das dauert Monate bis Jahre.
- Als Glasaal kommt er an den Küsten an, durchsichtig wie Glas, und wandert die Flüsse hoch.
- Als Gelbaal lebt er dann jahrelang in Flüssen, Seen und Gräben, oft zehn, fünfzehn, manchmal über zwanzig Jahre. Er frisst, wächst und hält sich bedeckt.
- Als Blankaal bricht er irgendwann auf. Er hört auf zu fressen, sein Darm bildet sich zurück, seine Augen werden größer, sein Bauch silbern. Er hat nur noch eine Sache vor: zurück zur Party.
Für die Rückreise nehmen sich die Aale mehrere Monate Zeit und schwimmen dabei tagsüber in großer Tiefe und nachts weiter oben. Erst 2022 konnten Forschende mit Sendern zum ersten Mal Aale verfolgen, die bis in die Sargassosee kamen. Dort verliert sich ihre Spur. Was dann passiert, laicht, stirbt: Das weiß bis heute niemand genau. Die Aale haben es für sich behalten.
Kleine Ernüchterung zum Schluss: Dem Europäischen Aal geht es schlecht. Er gilt als vom Aussterben bedroht, durch Staudämme, Überfischung und den Schmuggel von Glasaalen. Wenn ihr also mal Aal auf der Karte seht: Lasst ihn da.
(Dieser Eintrag ist ein Testbeitrag fürs Journal. Die Aale sind aber echt.)